Samstagvormittag im Supermarkt: „Ich hab’s passend“

Es ist wohl eines der bedeutendsten Phänomene unserer Zeit. Waren es früher elementare Fragen, wie: „Warum landet der Apfel im Schoß des Wissenschaftlers?“ oder „warum ist die Banane krumm?“, müssen wir uns heute fragen: „Warum gehen Rentner am Samstagmorgen einkaufen?“

Heute Vormittag: Tatort V-Markt, Kaufbeuren/Neugablonz. Ich will eigentlich nur schnell den Wocheneinkauf erledigen, Oma Irmgard hat aber etwas dagegen. Sie hat’s nämlich passend. Glaubt sie. Während ich mich frage, wie lange meine Tiefkühlpizza bei gefühlten 30 Grad im Supermarkt braucht, bis sie knusprig ist, kramt die Seniorin in ihrem Portemonnaie. Von einer anderen Kasse höre ich: „Nein, D-Mark können wir leider nicht mehr annehmen.“

Mittlerweile bekommt Irmgard Hilfe von der Kassiererin. Jetzt suchen zwei Frauen den letzten Cent im Geldbeutel der älteren Dame, leider ohne Erfolg. Die EC-Karte als letzte Rettung. Meine Gedanken kreisen um Einstein. Zeit ist relativ: Und wie weit ich gerade von der Lichtgeschwindigkeit entfernt sein muss. Ob das fünfte Ehepaar vor mir in der Reihe auch Interesse an Physik hat? Im völlig überdimensionierten Einkaufswagen liegen zwei Äpfel. Wozu die Packung Katzenfutter im Experiment dient, weiß ich leider nicht.

„Das ist ja eine Frechheit. Nur vier Kassen – da kann man doch noch eine aufmachen!“ Opa Helmut scheint etwas genervt. Er ist der vorletzte in der Schlange, sogar noch hinter mir. Ich bin sicher, dass seine zwei Tüten Milch den Einsatz eines weiteren Kassierers rechtfertigen. Ob er nicht vor wolle? Ich bin schließlich erst um 19 Uhr verabredet. Irmgard hat währenddessen etwas Probleme mit ihrer PIN-Nummer. Zum Glück hat sie die Zahlen auf einem Zettel, den sie der Kassiererin vor die Nase hält.

Nach Opa Helmut steht jetzt ein freundliches älteres Ehepaar hinter mir und ich muss einfach fragen: „(…) Warum gehen Rentner am Samstagvormittag einkaufen?“. „Na, das haben wir schon immer so gemacht“, sagt die Frau und lächelt. Ich verkneife mir ein „früher hat man auch andere Sachen immer gemacht“, und sage, man wäre doch viel schneller, wenn man dann einkauft, wenn nicht alle zum Supermarkt gehen. Dass ich meinen eigenen Rat vielleicht selbst befolgen sollte, fällt mir in diesem Moment nicht ein.

„Ach wissen Sie, wir haben ja Zeit. Das macht uns nichts aus.“ Ich blinzle auf meinen Einkaufswagen. TK-Pizza, Toilettenpapier, Spülmaschinen-Tabs, Bierkiste, Chips, Gemüse, Knoblauch. Was wohl die beste Mordwaffe abgibt? „Der Journalist mit der Zucchini bei Kasse 3.“ Cluedo ist ein tolles Spiel.

Irmgard hat gezahlt! Die Schlange rückt vor, ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Für die Anderen in der Schlange, nunja, hoffe ich das nicht. Als ich an der Reihe bin, muss ich grinsen. Ich denke an das ältere Pärchen hinter mir. Sie hätten ja Zeit, haben sie gesagt. Gut. Weil ich hab’s passend. Glaube ich.