Us Schreiberlinge

Der Monitor ist blank. Bis auf die obere linke Ecke. Dort blinkt der vermaledeite Word-Cursor und lacht einen geradezu an. „Na, immer noch nicht den richtigen Anfang gefunden?“ scheint er zu fragen. Arsch.

Vielleicht solltest du dich lieber mit dem Special beschäftigen, dem Ninja-Report (How i met your Mother Kenner werden sich erinnern) – oder wie wär’s mit einem Kaffee? Einer Zigarette?

Es ist eben nicht immer leicht, einen passenden Einstieg in ein Thema zu finden. Oder den Hauptteil dazu. Oder den Schluss. Vielleicht liegt einem die Materie nicht, vielleicht hat man andere Dinge im Kopf – oder Angst, dass die Qualität nicht stimmt.

Was ist also zu tun, wenn nichts mehr weiter geht? Ein Ansatz unter hunderten hat mich persönlich besonders angesprochen: Das therapeutische Schreiben – zumindest das was Peter Welchering darunter versteht. Kurz und einfach gesagt – Man schreibt das, was man möchte und kommt so in einen „flow-Zustand“ in dem man auch schwierige Themen und Texte angreifen kann.

Und so ensteht gerade folgendes:

 

Wahlkampf

Kapitel I – Der alte Mann und der Mord

Der alte Mann wusste, dass er sterben würde. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Und er hatte es verdient – da war er sich sicher. Mehr noch, es gab Tage da wünschte er sich den Tod herbei. Wünschte sich, die Gesichter zu vergessen die ihn verfolgten. Wünschte sich, dass die Schreie endlich verstummen.

Unruhig wanderten seine glasigen, blutunterlaufenen Augen durch den Raum, bis sie das Objekt der Begierde fanden. Die Fernbedienung.

„Und heute bei Die Alm – Promischweiß und Edelweiß erklärt Gina Lisa, wie das wirklich mit Ihrem Porno gelaufen ist“.

Der alte Mann hatte den Fernseher angeschaltet. Weniger aus Interesse am Programm als aus Ungeduld. Wie lange wollte ihn der Tod denn noch warten lassen?

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Freude in Libyen: Nach den ersten freien Wahlen seit dem Gaddafi-Regime hat der afrikanische Staat ab heute einen neuen Präsidenten.“

„Der Libyer Basmah Ishraq, vom Übergangsrat als Staatsoberhaupt vorgeschlagen, wird morgen offiziell in das Amt eingeführt. Wahlbeobachter der UN sprechen von einer fairen und erstaunlich ruhigen Wahl.“ „Scheisse! Was für ein Schwachsinn“, sagte er zu sich.

Hätte er fliehen sollen? Es zumindest versuchen? „Nein – Man hätte mich gefunden. Sie hätten mich gefunden“, redete er sich ein. Er hätte das Unausweichliche nur hinausgezögert. Es verschoben, nicht verhindert.

Weit wäre er sowieso nicht gekommen. Er hatte kaum mehr Kontakte und noch weniger Geld – „das hätte nicht funktioniert“. Außerdem knackten seine Knie bei jedem Schritt, sein Rücken machte seit geraumer Zeit Probleme und sein Gehör schien auch nicht mehr das Beste zu sein. Denn das was hinter ihm geschah merkte er, trotz seiner Ausbildung, viel zu spät. „Ah. Da sind Sie ja endlich. Das Fernsehprogramm hätte mich beinahe noch vor Ihnen umgebracht.“

Und so starb Erdogan Aydin, wie sie ihn hier nannten, mit 73 Jahren in Kaufbeuren.